Zucker im Vormarsch
Früherkennung und moderne Therapien können Diabetes bremsen
Die Prognosen sind beunruhigend: Die Zahl der Zuckerkranken steigt und zwar weltweit. Experten sprechen bereits von einer "Diabetes-Epidemie". Allein in Deutschland werden 2010 rund zehn Millionen Menschen an Typ-2-Diabetes erkrankt sein. Immer mehr jüngere Leute sind betroffen. Schuld an der Stoffwechselstörung ist nach Ansicht der Experten ein ungesunder Lebensstil - falsche Ernährung, fehlende Bewegung und Übergewicht. Immer öfter entwickelt sich daraus unmerklich ein sogenannter Prädiabetes. Doch bereits in diesem frühen Stadium können Gefäßschäden auftreten. Entsprechend hoch ist das Risiko, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu erleiden. Wie sich ein Prädiabetes vermeiden lässt, welche Möglichkeiten moderne Behandlungsmethoden bieten und wie Unterzuckerungen oder Gewichtszunahmen umgangen werden können, erfuhren die Anrufer bei unserer Expertentelefonaktion von vier erfahrenen Experten:
Prof. Dr. med. Oliver Schnell
Geschäftsführender Vorstand des Instituts für Diabetesforschung der Forschergruppe Diabetes e.V. am Helmholtz-Zentrum, München und Professor für Innere Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Schwerpunkte: Innovative Behandlungsstrategien bei Diabetes, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prävention von Komplikationen.
Dr. Veronika Hollenrieder
Fachärztin für Innere Medizin, Diabetologin DDG in einer Diabetologischen Schwerpunktpraxis in Unterhaching bei München. Schwerpunkte: Diabetische Polyneuropathie, Ernährungsberatung, Fußsprechstunde.
Dr. med. Rüdiger Kilian
Chefarzt der Abteilung Innere Medizin des Krankenhauses Neu-Mariahilf in Göttingen. Schwerpunkte: Chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Lebererkrankungen, Onkologische Erkrankungen des Verdauungstraktes, Diabetologie.
Dr. med. Hans-Martin Reuter
Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe DDG und Ernährungsmediziner DGEM in einer Gemeinschaftspraxis für Diabetologie in Jena, Schwerpunkte: Diabetischer Fuß, Diabetesprävention, Insulinpumpeneinstellung, Ernährungsberatungszentrum.
Früherkennung ist das A und O
Charakteristisch für Typ-2-Diabetes ist eine zunehmende Unempfindlichkeit des Organismus gegenüber Insulin: Das in der Bauchspeicheldrüse gebildete Hormon wirkt immer schlechter, so dass der Blutzuckerspiegel stetig steigt. Am Ende steht die Insulinresistenz. Je früher Diabetes festgestellt wird, um so eher lassen sich Folgeschäden vermeiden. So können eine Ernährungsumstellung und regelmäßige Bewegung von mindestens 30 Minuten pro Tag das Fortschreiten der Erkrankung bremsen. Doch die Früherkennung ist schwierig. "Denn Typ-2-Diabetes hat keine klassischen Symptome" erklärt Dr. med Hans-Martin Reuter. "Die Menschen merken nur eine nachlassende Leistungsfähigkeit, gelegentlich mehr Durst und häufigeren Drang zum Wasserlassen." Sollten Risikofaktoren wie Adipositas oder Übergewicht mit Störungen des Fettstoffwechsels oder Herzkranzgefäßerkrankungen vorliegen, empfiehlt der Jenaer Diabetologe, das Krankheitsrisiko regelmäßig mittels eines Zuckerbelastungstests bestimmen zu lassen. Frühzeitige Vorsorgeuntersuchungen sind vor allem wichtig, wenn die Krankheit bereits innerhalb der Familie aufgetreten ist: "Wenn beide Elternteile an Diabetes leiden, liegt die Erkrankungswahrscheinlichkeit bei über 50 Prozent", betont die Münchner Diabetologin Dr. Veronika Hollenrieder.
Bislang wird die Erkrankung jedoch häufig erst sehr spät erkannt. "Der gestörte Zuckerstoffwechsel besteht in den meisten Fällen bereits über fünf bis zehn Jahre, bevor der Diabetes sich manifestiert", weiß Dr. Reuter. Zu diesem Zeitpunkt sei die Beta-Zelle in der Bauchspeicheldrüse meist schon zu 50-60 Prozent geschädigt und damit ein Sekretionsversagen programmiert. Um die gestörte Glucoseempfindlichkeit in den Griff zu bekommen, müssten dann in den meisten Fällen Tabletten eingesetzt werden. "Denn ein nicht behandelter Diabetes mellitus Typ 2 führt über eine Zeit von zehn bis 15 Jahren zu gefäßbedingten Folgeerkrankungen mit chronischen Nierengefäßstörungen, Erkrankungen der Netzhautgefäße sowie Arteriosklerose, die koronare Herzerkrankheiten und Schlaganfälle nach sich ziehen kann", warnt der erfahrene Experte.
Wirksame Kombinationstherapien
Ist eine medikamentöse Behandlung unumgänglich, wird gemäß den europäischen Leitlinien ein Anti-Diabetikum (Metformin) gegeben, das die Glukoseneubildung in der Leber hemmt. "Falls nach drei bis sechs Monaten der Langzeitwert der Blutzuckereinstellung (HBA1c) von 6,5 Prozent nicht erreicht wird, wird die Therapie mit anderen oralen Anti-Diabetika kombiniert", erläutert Dr. Reuter. "Hier stehen Sulfonylharnstoffe, DPP-4-Hemmer sowie Inkretinmimetika, Glitazone und Acarbose zur Verfügung." Bei der Wahl der passenden Medikamente sollte jedoch beachtet werden, dass Sulfonylharnstoffe ein höheres Risiko für Unterzuckerungen mit sich bringen und zur Gewichtszunahme führen.
Unterzucker und Gewichtszunahme müssen nicht sein
Im Rahmen moderner Disease-Management-Programme muss mit diesen unangenehmen Nebenwirkungen jedoch nicht mehr gerechnet werden. "DPP-4-Hemmer senken den Blutzuckerspiegel abhängig vom aktuellen Glukosegehalt im Blut, jedoch nicht unter 65 mg/dl, sodass keine Unterzuckerung entstehen kann", erklärt der Göttinger Chefarzt Dr. Rüdiger Kilian. Nach den Erfahrungen des Münchner Facharztes Prof. Dr. Oliver Schnell können sie den Blutzucker nachhaltig senken und auch langfristig eine gute Diabeteseinstellung erzielen. Das gilt auch für Übergewichtige, denn mit DPP-4-Hemmern geht keine Gewichtszunahme einher. "Metformin, das die Glukose-Neubildung in der Leber hemmt, ist der wichtigste Kombinationspartner, weil sich die Wirkprinzipien gut ergänzen", weiß Prof. Schnell. Nach den guten Erfahrungen in der Kombinationsbehandlung sei es jedoch denkbar, dass künftig auch die Monotherapie mit DPP-4-Hemmern eingeführt werde. Ein erster Schritt in diese Richtung sei die eingeschränkte Zulassung des DPP-4-Hemmers Sitagliptin (Januvia) für die Singlebehandlung. Prof. Schnell: "Seit kurzem darf das Medikament immer dann verordnet werden, wenn durch Diät und Bewegung allein keine ausreichende Blutzuckerkontrolle erzielt werden kann und Metformin aufgrund von Nebenwirkungen oder Unverträglichkeit ungeeignet ist."
--- Daten/Fakten oder Kurztext ---
Informationen zum Thema Diabetes erhalten Sie im Internet unter www.diabetes-deutschland.de und www.diabetes-behandeln.de. Auf der Suche nach einem niedergelassenen Diabetologen in Ihrer Region können Sie unter www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de fündig werden. Für Leser, die unsere Experten während der Telefonaktion nicht erreichen konnten, steht unter 0800 - 67 33 422 eine kostenlose Hotline von Mo. bis Do., 8.00-18.00h, und Fr., 8.00-17.00h zur Verfügung.
In speziellen Schulungen lernen Diabetiker mit ihrer Erkrankung umzugehen.
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