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Aktiv gegen Schmerzen
Zur Biopsychologie des Schmerzerlebens


(djd/pt). Wer Schmerzen hat, leidet. Deshalb sollte zuallerst die Ursache beseitigt und der Schmerz gleichzeitig rasch gelindert werden. Denn sich ständig wiederholende Schmerzreize machen das Sinnessystem immer empfindlicher - ein so genanntes Schmerzgedächtnis bildet sich. Ein wesentlicher Bestandteil der Akuttherapie sind verträgliche Schmerzmittel wie Aspirin. Sie aktivieren die Abwehrmechanismen des Körpers, indem sie die Botenstoffe stoppen und Entzündungen hemmen. Neben der medikamentösen Behandlung sind Bewegung, Entspannung sowie kreative Tätigkeiten sinnvoll, um Schmerzen zu begegnen. Denn Schmerz ist ein komplexes Phänomen, das sich auf unterschiedlichen Ebenen abspielt. Die Betroffenen müssen lernen, aktiv mit ihm umzugehen.

Im Interview erläutert Professor Dr. Harald Traue, Schmerzexperte an der Uniklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Ulm, inwiefern biopsychologische Faktoren wie emotionale Befindlichkeit und Sozialkontakte für das Schmerzerleben für Bedeutung sind.

Was sind die wesentlichen biopsychologischen Einflussfaktoren für das Schmerzerleben?

Professor Traue: Der gedankliche Umgang mit Schmerz ist für das Schmerzerleben von großer Bedeutung. Aus manchen Kulturen sind Rituale bekannt, bei denen Menschen allein durch die Kraft der Gedanken große Schmerzen aushalten können. Ein bekanntes Beispiel sind indische Fakire, die im Rahmen religiöser Schmerzrituale unterschiedliche Körperregionen mit Dolchen und Spießen durchbohren. Die Schmerzerwartung hat einen starken Einfluss auf das Erleben. So haben bildgebende Forschungsverfahren gezeigt, dass allein schon Gedanken die Schmerzzentren im Gehirn aktivieren können. Inwieweit dies auch bei chronischen Schmerzen von Bedeutung ist, muss noch weiter erforscht werden.

Wie wirkt sich die Gefühlslage auf die Wahrnehmung von Schmerzen aus?

Professor Traue: Man könnte sagen, dass Depressionen und chronische Schmerzen Geschwister sind. Negative Stimmungen beeinflussen das Schmerzerleben sehr ungünstig. Wir haben dies in mehreren Studien nachgewiesen, und zwar im Rahmen von Tag-zu-Tag-Messungen bei Kopfschmerzpatienten über einen Zeitraum von drei Monaten. Ein bedeutender Faktor ist zum einen der Alltagsstress, der meist mit negativen Emotionen einhergeht. Zum anderen ist der gehemmte Umgang mit Gefühlen problematisch. Denn wer seine Gefühle nicht zeigen kann oder will, hat ein erhöhtes Schmerzrisiko, weil die Hemmung von Gefühlen körperlich mit Verspannungszuständen einhergeht.

Kann man sich vom Schmerz ablenken?

Professor Traue: Ablenkung ist ein wirksames Mittel gegen Schmerz. Immanuel Kant, der große Philosoph, lenkte sich mit geistigen Tätigkeiten so ab, dass er seine Schmerzen nicht mehr spürte. Allgemein sind Tätigkeiten empfehlenswert, die Aktivität erfordern: das Zusammensein mit anderen Menschen, Sport oder künstlerisches Arbeiten.

Welchen Einfluss haben Partner oder Freunde auf das Schmerzempfinden?

Professor Traue: Nahe stehende Personen können sich sowohl günstig als auch ungünstig auswirken. So zeigen Forschungsarbeiten, dass die Anwesenheit eines Partners das Schmerzverhalten verstärken kann, wenn Schmerzen zu einem Teil der Alltagskommunikation werden. Auch eine nahe stehende Person, die selbst unter Schmerzen leidet, kann das Schmerzerleben verstärken. Andererseits ist die Zuwendung ein wichtiges Element des sozialen Netzwerkes und hilfreich. Durch das richtige Verhalten können Freunde oder Partner eine aktive Schmerzbewältigung fördern und dazu beitragen, die Schmerztoleranz zu erhöhen.

Wie können Partner oder Freunde den Betroffenen unterstützen?

Professor Traue: Partner oder andere Bezugspersonen können den Schmerzgeplagten immer wieder ermuntern, am Alltag teilzunehmen, sich unter Freunde und die Familie zu begeben. Sie können die Betroffenen motivieren, aktiv und sofort gegen den Schmerz vorzugehen, um wieder neue Lebensqualität zu erhalten. Gerade bei wiederkehrenden und chronischen Schmerzen ist allerdings darauf zu achten, nicht so sehr den Schmerzen und den Äußerungen darüber Aufmerksamkeit zu schenken, sondern der betroffenen Person selbst. Wichtig ist, sich den Lebensäußerungen zuzuwenden, die unabhängig vom Schmerz sind. Es macht beispielsweise keinen Sinn, sich bei einem Spaziergang über Schmerzen zu unterhalten. Sinnvoll ist vielmehr, gemeinsam auf das zu achten, was man sieht. Zuwendung, zum Beispiel eine Umarmung oder Berührung, lenkt die Betroffenen aber nicht nur von ihren Schmerzen ab, sondern regt auch die Ausschüttung von Glückshormonen an, die das Schmerzempfinden dämpfen.

Welche Maßnahmen und Strategien empfehlen Sie zur Vorbeugung von akuten Alltagsschmerzen wie Kopf-, Rücken-, Muskel- und Gelenkschmerzen?

Professor Traue: Alltagsschmerzen beugt man am besten durch einen ausgewogenen, aktiven Lebensstil vor. Ganz entscheidend sind sportliche Aktivitäten und ein enges soziales Netz mit vielen Begegnungen. Mit sportlicher Aktivität ist hier kein Leistungssport gemeint, sondern eine Mischung aus Dehnung, Muskelstärkung und Entspannung. Die Muskulatur sollte sehr systematisch durch meditative gymnastische Übungen in Schwung gehalten werden. Hierbei ist weniger entscheidend, wie man das macht, sondern dass man es überhaupt macht - am besten täglich.

Durch liebevolle Zuwendung können Partner eine aktive Schmerzbewältigung fördern.
Durch liebevolle Zuwendung können Partner eine aktive Schmerzbewältigung fördern.

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